Bereits zum dritten Mal fand am gestrigen Mittwoch im Convention Center des Hannoveraner Messegeländes das ConventionCamp – die selbstbetitelte “Internet(un)konferenz” statt. Über 1.200 nationale und internationale Teilnehmer reisten an um Wissen zu teilen, zu erweitern, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, zu diskutieren – und, um via twitter quasi im Sekundentakt ihre ganz persönliche Sicht der Veranstaltung für alle Welt lesbar mitzuteilen. Nicht lange dauerte es, bis der für das ConventionCamp vergebene Hashtag “cch10″ es mit an die Spitze der gestrigen twitter-Topthemen schaffte.
Convention vs Camp
Eine Verbindung aus Barcamp und Convention zu schaffen, das war und ist der sicher nicht ganz leichte Anspruch der Organisatoren des ConventionCamp. Vorträge mit angeregten Diskussionen verknüpfen, kritisch sein, zusammen philosphieren und durch das Zusammenbringen von Teilnehmern sowohl aus Wirtschaft, Forschung und der stetig wachsenden Web-2.0 Society dabei offener agieren als all die dutzend anderen Konferenzen, die es mittlerweile zum Thema gibt, so lautet seit je her die Zielsetzung der Veranstaltung. Dieses Ziel ist ebenso löblich, wie es schwer zu erreichen ist, und das diesjährige ConventionCamp spiegelte diese Tatsache recht deutlich wieder.
Es liegt an uns.
Der reibungslosen Organisation und der ambitionierten Planung standen oftmals viel zu oberflächliche Vorträge gegenüber; der enge Zeitplan ließ kaum Spielraum für Networking und Gespräche; hier und da versuchte der ein oder andere, Vorträge und Sessions mehr oder weniger geschickt doch für Werbung und Produktplatzierung zu missbrauchen.
Die scharfzüngigen Kommentare auf twitter zur ein oder anderen Session blieben leider zumeist ohne entsprechendes Gegenecho während der laufenden Veranstaltung. Prof. Dr. Wiedmann formulierte während der Opening Session die Aussage “Sie können mich gern unterbrechen, das macht auf jedenfall
Sinn.” Dieser Aussage hätte man des Öfteren Folge leisten und damit festgefahrene Frontalvorträge aufbrechen müssen. Dies sehe ich jedoch nicht als primäre Aufgabe der Veranstalter, die schon genug Gutes damit tun, solch ein Podium für die digitale Welt überhaupt zu ermöglichen. Nein, es wäre Aufgabe der Teilnehmer, unsere Aufgabe gewesen, hier einzuhaken und unseren zahlreichen Zeichen auf twitter & Co. vor Ort Taten folgen zu lassen.
Erzähl mir was Neues!
Bis zu sieben unterschiedliche Sessions parallel in insgesamt 6 Zeitslots, zuzüglich einer Opening- und Closing-Session – das ist ‘ne Menge Inhalt. Denkt man. Leider versprachen die Session-Titel zumeist mehr, als inhaltlich dann wirklich geboten wurde. Gefühlt wurden dieselben Themen ausgewalzt, die insbesondere in der Web2.0-Community tagtäglich in aller Breite heiß diskutiert werden. Nur, dass eben das “heiß diskutieren” im analogen Vortrag auf dem ConventionCamp nicht so recht funktionierte. Nahezu alle Sprecher kratzten lediglich an den Oberflächen ihres jeweiligen Themas. Statt inhaltlichen Mehrwertes warf man lieber mit plakativen und – Überraschung! – twittertauglichen Schlagworten und Slogans um sich, die bei näherem Nachdenken nicht nur unpassend, sondern schlicht dumm waren.
Dennoch gab es natürlich die ein oder andere Information, die man mitnehmen konnte und die Tatsache der Oberflächlichkeit allein macht ja noch keinen schlechten Vortrag. Nur eben einen, der für Insider nicht wirklich interessant ist. Und ich unterstelle einer Veranstaltung wie dem ConventionCamp einen relativ hohen Insideranteil bei den Teilnehmern.
Löbliche Ausnahmen vom oberflächlichen Einheitsbrei waren Sessions wie beispielsweise die des Anwalts Joerg Heidrich zum Thema Jugendmedienstaatsvertrag, dessen neue Kennzeichnungsregelungen uns eher früher als später alle betreffen werden, oder auch die meiner Meinung nach zu Unrecht schlecht besuchte Video-Keynote des Journalisten Nicholas Carr zum Thema “The Mind in the Net” über die positiven und negativen Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung unserer Gesellschaft.
Er mag mich, er mag mich nicht…
Süß auch das Experiment von Nicole Y. Männl und Robert Basic “Ich mag dich nicht, aber ich like dich trotzdem”. Wirklich überraschend war das Outcome jedoch nicht und ich vermute anhand meiner eigenen Erfahrung, das die wenigen dislike-Stimmen vor allem darauf zurückzuführen sind, dass man sich während der Konferenz eher mit Bekannten und Freunden, also “likeable characters” umgab, als sich an ungeliebte Zeitgenossen anzupirschen, um deren dislike-ID vom Schild um den Hals abzulesen.
Unterm Strich war das ConventionCamp ein schönes Ereignis, was ich für mich allerdings mehr auf den sozialen Part und das Treffen vieler toller und spannender Menschen zurückführe, als auf den inhaltlichen Gehalt der Veranstaltung. Für die Zukunft bliebe zu wünschen, dass sich das ConventionCamp aus den unbequemen Zwängen all zu frontaler Vorträge befreien kann, dass eine größere inhaltliche Tiefe geschaffen wird (zum Beispiel durch eine besser gestaffelte Einteilung in Grundlagen-Sessions, weiterführende Sessions und, ich nenne es mal “Digital Native Sessions”), dass man den Zeitplan mit mehr Freiheit für Networking und Spontanes versieht (eventuell gestaffelte Session-Startzeiten und nicht immer alles gleichzeitig?), und dass die Veranstalter es vielleicht wagen, die arg konferenzlastige Sitzordnung zumindest im ein oder anderen Raum zugunsten kommunikativerer Sitzkonzepte aufzulösen.
Der Kollege Sebastian Gerhard hatte dazu eine ganz lustige Idee: der große freie Platz im Foyer, der während der laufenden Sessions eigentlich immer leer und ungenutzt war, könnte mit ein paar Decken problemlos und schnell zu einer Art “Picknickplatz” für lockeres Networken und Diskutieren umfunktioniert werden. Das ist sicherlich nicht die Lösung aller Probleme, aber vielleicht ein Anfang.
Letztendlich sind und bleiben es die Teilnehmer, die maßgeblich zum Gelingen einer solchen Veranstaltung beitragen. Vielleicht sollten wir alle im nächsten Jahr ein bisschen weniger twittern, und ein bisschen mehr “in echt” diskutieren. Wo wir schon alle da sind…
Herzlichst,
Evey
Einige meiner iPhone-Bilder von der laufenden Veranstaltung gibt es hier.
Reviews anderer Teilnehmer:
Sebastian Gerhard
Hedoniker
Der Webarchitekt



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[...] ElCario: Sebastian Cario Der Webarchitekt: Kai Thrun Pixeldreher Hedoniker Evangeline Cooper [...]